Seit ein paar Wochen ist in Hackerkreisen viel los um die Wikipedia. Ihr wisst schon, diese Website, der wir unsere guten Noten bei Referaten in der Schule etc. verdanken. Dort gibt es einige Admins, die sichtlich Spaß daran haben, Artikel aus hackernahen Zusammenhängen zu löschen. Das “freie Wissen” also. Gelöscht wurden Seiten wie “MOGIS”, “Zensursula” und andere CCC-nahe Themen. Fefe wetterte sehr gegen die Wikipedia. Ich habe mich zu dieser Debatte bisher eigentlich still verhalten, das eine oder andere retweeted, aber das wars. Jetzt hat der Mannheimer Hacker Tim “Scytale” Weber in seinem Blog einen Artikel zu seiner Vorstellung einer besseren Wikipedia, der Omnipedia, veröffentlicht. Ich wollte ihm einen Kommentar per Twitter senden, da merkte ich, dass 140 Zeichen niemals reichen würden und entschloss mich, hier einfach meine Gedanken in dieser Form zu veröffentlichen.
Scytale arbeitet seit kurzer Zeit an einem Projekt namens “Levitation”, einem Python-Skript, dass dazu da ist, Dumps der Wikipedia inklusive aller Versionen in ein Git-Repository zu konvertieren. Dies hat den Sinn, dass Git ein verteiltes Versionskontrollsystem ist, das heißt, es ist nicht an einen zentralen Server binden. Man kann es an einen binden, kann sich aber jederzeit unabhängig machen und kann problemlos weiterarbeiten, sollte dieser Server abstürzen, verschwinden, von Exklusionisten übernommen werden oder wie auch immer. Ich will aber nicht das, was Scytales MP3-Datei mir grade erklärt hat nicht nochmal neu formuliert euch erklären, lest einfach selbst: Jedem seine Wikipedia (scytale.name).
Für mich ist die von Scytale vorgeschlagene Lösung bisher der bester Vorschlag zur Zukunft der Wikipedia. Doch auch diesen Vorschlag halte ich für nicht umsetzbar. Klar, die Wikipedia lebt von der Community, aber ich persönlich schätze, dass nichtmal 10% aller Besucher der Domain “wikipedia.org” daran interessiert sind, an der Wikipedia mitzumachen. Oder vom mobilen Endgerät etwas nachschlagen wollen, ohne ihr Git-Repository dabeihaben zu müssen. Oder Leute, die neu einsteigen wollen.
Scytale schlägt vor, dass es eine gewisse Anzahl “empfohlener” Personen gibt, die die nötigen Ressourcen haben, einen Einstiegspunkt zu bieten und jeweils besondere Schwerpunkte haben. Doch in diesem Falle, so finde ich, versagt die Idee etwas. Denn der von Scytale erläuterte Sinn einer Omnipedia wäre ja, dass ich Leuten quasi “followe”, wie man es in der Twitter-Terminologie ausdrücken würde, und deren Änderungen übernehmen kann. Doch hier säßen wieder die, meinetwegen fünf, Personen an einem Schalter – Übernehemen oder nicht übernehmen. Und das wäre auch verdammt viel Arbeit, was im Falle der jetzigen Wikipedia mit dem System der Sichtungen auf eine größere Gruppe von Personen verteilt wird.
Doch es gibt noch ein größeres Problem. Scytale, Fefe und ich, wir sind Nerds, Geeks, Hacker (ich weiß, man nennt sich selbst nich so) und wir haben Ahnung von Technik. Wir benutzen sogar ein exotisches System, Linux. Jetzt stelle man sich einen meiner Klassenkameraden vor, der in M$ Word eine Überschrift mithilfe von ganz vielen Leerzeichen zentriert. Wie bitte will man dem beibrigen, dass es nicht mehr ein Webportal Wikipedia gibt, bei dem man nur schnell einen Begriff eingeben muss, sondern dass er Git installieren, ewig downloaden muss, Leute finden muss, denen er “followed” und Änderungen übernehmen muss? Das halte ich für ein unmögliches Vorhaben. Ja, in Scytales Artikel wird auch eine “die Omnipedia”, ein Webportal für DAUs erwähnt, auf das man aber eben nicht angewiesen ist. Aber damit widerspricht er sich selbst, schrieb er doch oben noch, es würde mehrere “Zentralen” geben müssen.
Und noch ein letzter Punkt: Scytale lobt vielfach die enorme Geschwindigkeit von Git. Die ist schön und gut, aber unter Microsoft Windows (hab nur XP getestet) merke ich da nichts von. Und Windows hat immernoch über 50% Marktanteil. Punkt.
Nichtsdestotrotz möchte auch ich ihm für sein Engagment danken, ihm viel Erfolg wünschen und auch meine Leser auffordern, ihn zu unterstützen, materiell und mit Bugreports, Patches, etc.
Puuh, WordPress zeigt mit schon wieder über 600 Wörter an, ich hör dann mal auf. Noch einen schönen Donnerstag,
Raphael
Update: Diese FAQ räumt einen großteil meiner Zweifel aus. Nur klar ist mir noch nich, warum man dann ein neues Portal braucht. Ist nur blöd, wenn alle Leute sich umstellen sollen auf nen neuen Namen. Dann doch lieber die Wikimedia Foundation (die internationale) überreden, ein GIT anzubieten, also zu integrieren. Bzw. MediaWiki dahingehend umschreiben, dass es mit einem git-Repository verknüpft ist. Ich hoffe einfach mal, dass das irgendwann möglich sein wird.

